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Blick auf den Lagenser Marktplatz, der sich in Erwartung der "Zeitreise" lebhaft füllt. Wieder bestätigt sich der Satz: »Wenn Ereignis, dann voll.«
Knutschkugel und Leukoplastbomber
»Lagenser Zeitreise« präsentiert Schätzchen von einst
Sonntag, 27. September, 18 Uhr
Von Hajo Gärtner (Text & Fotos)
Lage. Die »Lagenser Zeitreise« führt an diesem Sonntag direkt in den Sommer – nicht virtuell, sondern ganz analog. Und das Stadtmarketing hat dabei offenbar einen besonders guten Draht zum Wettergott geknüpft: Es dürfte der letzte Sommertag des Jahres 2026 gewesen sein, mit einem Temperatur-Spitzenwert von 26 Grad. Entsprechend groß ist der Andrang auf dem Marktplatz. Wenn schon Zeitreise, dann bitte mit Sonnenschein.
Für die automobilen Zeitmaschinen sorgen die Oldtimer Freunde Extertal. Sie haben einige Schätzchen mitgebracht, bei denen man sich fragt, ob sie einen Führerschein benötigen oder bereits unter Denkmalschutz stehen. Da wäre zum Beispiel ein Austin, Modell Ulster, fast 100 Jahre alt – und damit ein echter Urgroßvater unter den Autos. 0,75 Liter Hubraum, 25 PS und immerhin 90 Stundenkilometer Spitze. Erstzulassung 1934. Drei Jahre älter ein amerianischer Ford, Baujahr 1931. Die beiden automobilen Methusalems ziehen die Besucher an, als würden sie gleich erzählen, wie das damals so war mit Benzinpreisen und Schlaglöchern.
Dann steht da plötzlich die BMW Isetta. Die legendäre „Knutschkugel“ kam 1955 auf den Markt und war das Wirtschaftswunder auf drei Quadratmetern. Rund zwei Meter lang, keine 1,40 Meter breit und mit 12 PS motorisiert. Damit schaffte der Flitzer rund 85 Stundenkilometer. Das klingt heute nach Schneckentempo, war damals aber durchaus automobil. Und praktisch war die Knutschkugel auch: Die Tür befand sich vorne. Wer einsteigen wollte, musste also nicht lange um das Auto herumlaufen. Man ging einfach direkt hinein. Ein Konzept, das auch heute beim Einparken durchaus Vorteile hätte. Ob in der Isetta auch tüchtig geknutscht wurde ist weniger bekannt, aber wahrscheinlich.
Direkt daneben steht der Lloyd 600, ein weiterer Star des deutschen Wirtschaftswunders. Er richtete sich an Menschen, die vom Motorrad aufs Auto umsteigen wollten – vor allem, weil man darin endlich trocken sitzen konnte. Vier Personen fanden Platz. Wobei man sich im Lloyd wegen der erzwungenen Enge schon ziemlich gut verstehen musste. Besonders originell war die Konstruktion des Vorgängers Lloyd LP 300: Statt einer klassischen Stahlkarosserie gab es einen Holzrahmen mit aufgeklebten Kunstlederplatten. Das sparte Stahl und damit Geld. Der Volksmund hatte dafür allerdings wenig romantische Worte übrig und taufte das Gefährt kurzerhand „Leukoplastbomber“.
Und auch musikalisch und theatralisch bietet die "Zeitreise" einiges. Laureen schmeichelt sich mit ihrer schönen Stimme ins Ohr des Publikums, während das Duo „Humor in Schwarz-Weiß“ für heitere Stimmung reichlich Lacher sorgt. Besonders hübsch geraten die Auftritte von „Monsieur & die Dame am Klavier“. Ihr Straßentheater erinnert an die Ästhetik des frühen Stummfilms: keine großen Worte, dafür umso größere Gesten. "Monsieur", mit Hut und Stock und einer gehörigen Portion Grimassenschneiderei, erinnert dabei unweigerlich an Charlie Chaplin. Es gibt Slapstick, Clownerie und kleine theatralische Katastrophen – alles ohne Sprache und deshalb auch ohne Übersetzungsprobleme. Wahrhaft interkulturell. Dazu Live-Klaviermusik. So wie beim Stummfilm in den Kinderjahren des Kinos. Das Publikum darf nicht nur zuschauen, sondern wird kurzerhand mit einbezogen. Und macht erstaunlich bereitwillig mit.
Der Applaus fällt entsprechend kräftig und ehrlich aus.
Damit íst das Thema „Zeitreise“ aber auch schon erschöpft. Im vergangenen Jahr war die Veranstaltung noch deutlich facettenreicher und näher am historischen Motto. Doch das scheint die Besucher an diesem Sonntag nicht sonderlich zu stören. Wen interessiert, was vor einem Jahr war? Der Marktplatz ist gut gefüllt, die Stimmung bestens. Und schließlich gibt es da noch ein ausgesprochen schlagkräftiges Argument für einen entspannten Nachmittag in der Innenstadt: Futtern bis die Schwarte kracht.
Die Pickert-Mädels servieren traditionell Lippisches, dazu Crêpes, Gyros und Currywurst mit Pommes. Getränke gibt' genug, um die Kalorien genussvoll herunterzuspülen. Kurz gesagt: Wer an diesem Sonntag auf dem Marktplatz landet, bekommt Oldtimer, Musik, Theater, gutes Essen und Sonnenschein. Mehr Zeitreise braucht man eigentlich nicht.
Kommentar
super Marktplatz
Von Hajo Gärtner
Der Satz bewahrheitet sich immer wieder: Wenn die Stadt in der City etwas Besonderes auffährt, kommen die Leute in Scharen. Betrachten wir allein nur die jüngste Zeit. Ob »Lagenser Sommer«, »Dinner in White« oder die »Lagenser Zeitreise«: Die Planung von kulturellen Ereignissen ist eine sichere Bank für die Veranstalter.
Dabei macht die City mit ihrem charakteristischen Marktplatz stets eine gute Figur. Die Webcam des Stadtmarketings zeigt einen Marktplatz, der aus dieser Perspektive ebenso funktional wie schön erscheint. Da passt doch alles zusammen.
Um so bizarrer die Diskussion um ein »Upgrade« des Areals, das die Stadt mehr als eine Million Euro kosten würde. Eine Veränderung nur, weil man Fördermittel in gewaltiger Höhe (rund 4 Mio. Euro bei einem gesamten Investitionsvolumen vor mehr als 5 Mio. Euro) abgreifen könnte. »Auch das sind alles Mittel aus Steuereinnahmen«, sagen die Kritiker und raten zur Besonnenheit, allen voran die AfD.
Dabei hat noch niemand ernsthaft geprüft, ob das schicke »Upgrade« für Großveranstaltungen wie die »Lagenser Zeitreise« genau so funktional wäre wie der aktuelle Marktplatz. »Form follows Function« ist ein zentraler Grundsatz intelligenten Designs.
Ich mache mich mal ehrlich: Selbst wenn eine millionenschwere Überarbeitung der City ein schöneres Bild des Areals liefern würde, hänge ich am Bestand. Schönheit liegt im Auge des Betrachters. Man mag es »Sentimentalität« nennen: Das ist mein Lage und soll nicht Lemgo oder Bad Salzuflen werden.
Ich bezweifle, dass das geplante schicke Outfit auch nur einen einzigen Besucher mehr in die Stadt locken würde. Es sind die Events, die attraktiven Veranstaltungen, die Publikum anziehen. Und da ist das Lagenser Publikum nicht einmal über die Maßen anspruchsvoll.
Im Klartext: Die Million ist in ein sprudelndes kulturelles Leben besser investiert als in ein neues Straßenpflaster. Mal ganz abgesehen von der ungeheuerlichen Ressourcen-Verschwendung, wenn der »rote Platz« aus Ziegelsteinen in eine graue Betonpiste verwandelt wird. Pflanzt ein paar Bäume an richtigen Stellen und spendiert ihnen eine Zisterne zur Wasserspeicherung: Und der Fisch ist geputzt.
Bürgermeister Matthias Kalkreuter überreicht Lidija Epp (Aufbruch C) als neues Mitglied des Rates einen Blumenstrauß und wünscht viel Erfolg.
Eine Frau beim
»Aufbruch C«
Lage. Im Rat der Stadt dominieren Männer unter den 40 Ratsmitgliedern deutlich. Nun verändert sich das Verhältnis ein bisschen zu Gunsten der Frauen, denn Lidija Epp tritt für Kevin Schulz an, der zum 30. August sein Ratsmandat niedergelegt hat.


