KOMMENTAR 

Der Schuss geht nach hinten los 

Ich wage mal eine Prognose: Der Vorgang - egal wie man ihn moralisch bewertet - wird der AfD am 14. Septem­ber mehr Wähler bescheren als kosten. Die Opferrolle zieht immer Sympathien auf sich, und dabei geht es nicht nur um Emotionen des Mitleids. Beim Kampf David gegen Goliath sind die Sympathien in der Regel klar verteilt.

Aktuelle und potenzielle Wähler im bürgerlichen Lager interessieren sich nicht für Posts und Threads in den Sozialen Medien; vor allem, wenn sie keine klaren Infos darüber bekommen, was da tatsäch­lich gesagt oder geschrieben worden ist. Ich glaube: Dieser Schuss zur Verteidigung der Demokratie geht mächtig nach hinten los.

Das heißt nicht, dass ich Uwe Deters vermutliche Posts, die ihm und seiner Partei eine Menge Ärger eingetragen haben, für intelligent und zweckdienlich halte. Er soll zum Beispiel den Ausdruck «Gesindelketchup» unsen­sibel als Synonym für «Zigeu­ner­­­sauce» weitergeleitet und «Reichsbürger"-Rhetorik («Die BRD ist kein souveräner Staat») zelebriert haben. Eine Dummheit, selbst wenn es strategisch darum gegan­gen sein sollte, Sympathien für die AfD im ganz rechten politischen Spektrum einzu­sam­meln: mitnehmen, was sich am Wegesrand bietet.

Wahltaktisch eine Fehlspeku­lation: Ein Politiker muss wissen, dass nicht jeder sein Freund ist und dass «die Konkurrenz» nur auf solche Dummheiten wartet. Er sollte sich gut überlegen, was er da so rausposaunt; auch in geschlossenen Chat-Grup­pen, die immer reichlich löcherig sind.

Detert ist sicherlich kein «Reichsbürger». Dazu ist er zu intelligent und dazu geht es ihm in diesem Staat viel zu gut. Aber er muss als «alter Hase» in der Kommunal­politik wissen, an welchem Punkt man in die Nähe verdächtiger  Narrative gerät und welchen "Witz" man sich besser verkneift. Das Gleiche gilt für Verschwörungs­mythen aller Art: Sie mögen wegen ihrer Beklopptheit bisweilen unterhaltsam wirken (Stichwort: "Q-Anon" und "Alu-Hütchen"). Dennoch sollte man vorsichtig mit ihnen umgehen.

Ich prognostiziere einen AfD-Zuwachs völlig unbefangen und unbeteiligt; einfach, weil ich Spaß an Vorhersagen habe. Wenn ich recht behal­te, ergibt sich für die großen Parteien eine schwierige Lage im neuen Rat, gera­de angesichts der Heraus­for­derung einer brutalen Haushaltskonsolidierung. Der Weg in die "Haushalts­si­che­rung" erscheint für die nächsten Jahre geradezu unvermeidlich. Zumal jede Partei versuchen wird, ihre Zielgruppe vor notwendigen Opfern zu schützen.

Das macht es allerdings um so interessanter für die Berichterstattung. Nichts ist so langweilig wie Rat- und Ausschussitzungen ohne Pfeffer. Ich habe schon Sitzungen erlebt, spannend wie eine entladene Autobat­terie. Aber auch Highlights mit der Voltage einer Hoch­spannungsleitung. Und dann gibt's auch Publikum: Das dürfte den Kommunalpoli­tikern meiner Beobachtung nach sehr gefallen. Aber man sollte sich untereinan­der nicht so angiften, wie ich das hier beobachte. Dann verliert man das Publikum sehr schnell wieder, das fiesen Streit nicht mag. 

Muss man jetzt mal aner­kennen: Detert zeigt eine verblüffend konsequente Gelassenheit und ein zentimeterdickes Fell. Vielleicht ist das seiner Urlaubslaune geschuldet oder der Hoffnung darauf, dass der Schuss, der ihn mitten ins Herz treffen soll, nach hinten losgeht.

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